KPU · HPU · Pyrrol im Urin
KPU, HPU oder Pyrrol? Was im Urin tatsächlich gemessen wird
Ist KPU überholt und HPU die moderne Variante? Dieser Eindruck entsteht schnell. Wissenschaftlich ist die Geschichte dahinter jedoch deutlich weniger eindeutig.
Das Wichtigste vorab: Auf unseren Befunden wird aus „KPU/Kryptopyrrol“ künftig „Pyrrol im Urin“. Die Methode, die Durchführung und unsere bisherigen Entscheidungsbereiche bleiben unverändert.
Warum wir die Bezeichnung ändern
Auch wir bei Sension haben den untersuchten Parameter über viele Jahre als KPU beziehungsweise Kryptopyrrol bezeichnet.
Nach erneuter Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur haben wir uns entschieden, genauer zu benennen, was unsere Methode tatsächlich erfasst.
Deshalb steht auf unseren Befunden künftig:
Pyrrol im Urin
Keine neue Methode. Keine neuen Entscheidungsbereiche. Eine präzisere Bezeichnung.
KPU ist alt und HPU ist neu – stimmt das?
So wird es heute häufig dargestellt. Die wissenschaftliche Geschichte sieht aber etwas anders aus.
In den 1960er-Jahren wurde im Urin eine zunächst unbekannte Substanz beschrieben, die mit dem Ehrlich-Reagenz eine auffällige Farbreaktion zeigte. Sie erhielt den Namen „Mauve Factor“.
1969 ordneten Irvine und Kollegen diesen Mauve Factor anhand chromatographischer und massenspektrometrischer Untersuchungen Kryptopyrrol zu.1
Bereits 1978 änderte Irvine diese Zuordnung wieder und schlug stattdessen ein Hydroxy-Hemopyrrolenon vor.2, 3 Diese Verbindung wurde später mit HPL und der heutigen HPU-Diskussion in Verbindung gebracht.
Kurz erklärt
HPU ist also nicht einfach die moderne Version einer „alten KPU“. Auch die HPL-Hypothese stammt bereits aus den 1970er-Jahren. Die Zuordnung der beteiligten Urinverbindungen wird bis heute wissenschaftlich diskutiert.

Was messen wir bei Sension tatsächlich?
Unsere Untersuchung ist eine kolorimetrische Pyrrolbestimmung.
Vereinfacht gesagt reagieren bestimmte Verbindungen unter definierten Bedingungen mit einem Reagenz. Die dabei entstehende Färbung wird photometrisch gemessen und ergibt einen quantitativen Laborwert.
Eine Farbreaktion ist jedoch keine vollständige chemische Strukturaufklärung. Sie sagt also nicht zweifelsfrei, welches einzelne Molekül für das gesamte gemessene Signal verantwortlich ist.
Unsere Konsequenz
Wir behaupten weder, ausschließlich Kryptopyrrol zu messen, noch einen spezifischen HPL-Nachweis durchzuführen. Wir weisen den Laborparameter deshalb als „Pyrrol im Urin“ aus.
Warum wir den bisherigen KPU-Test nicht einfach HPU nennen
HPU wird heute häufig als modernere oder spezifischere Variante dargestellt. Für unsere Methode wäre eine einfache Umbenennung aber wissenschaftlich nicht sauber.
Eine neuere Arbeit von Sherwin und Shaw zeigt, warum die Situation komplizierter ist.4 Die Autoren untersuchten authentisches Kryptopyrrol und HPL mit einer modifizierten Ehrlich-Reaktion.
Kryptopyrrol zeigte eine konzentrationsabhängige Reaktion. HPL zeigte unter den untersuchten Bedingungen dagegen keine entsprechende Ehrlich-Reaktion.
Die Autoren stellen deshalb die Frage, ob HPL tatsächlich mit dem ursprünglich beschriebenen Ehrlich-positiven Mauve Factor gleichgesetzt werden kann.4
Wichtig: Damit ist HPU nicht „widerlegt“. Die Untersuchung zeigt aber, dass die analytische Zuordnung weniger eindeutig ist, als die Begriffe KPU und HPU häufig vermuten lassen.
Und warum heißt der Parameter nicht mehr Kryptopyrrol?
Auch „Kryptopyrrol“ wäre für unsere Methode zu eindeutig formuliert.
Dass Kryptopyrrol mit dem verwendeten Reaktionsprinzip reagieren kann, bedeutet nicht automatisch, dass das gesamte Signal im Patientenurin ausschließlich von Kryptopyrrol stammt.
Sherwin und Shaw sprechen entsprechend vorsichtig von einer oder mehreren Ehrlich-reaktiven Verbindungen im Urin.4
„Pyrrol im Urin“ beschreibt deshalb besser, was unsere Analytik tatsächlich aussagen kann – ohne mehr zu versprechen.
Was ändert sich für unsere Therapeuten?
Methode
Unverändert
Entscheidungsbereiche
Unverändert
Bezeichnung
Neu
Für die tägliche Arbeit bedeutet die Umstellung daher wenig. Auch bisherige Verlaufskontrollen können wie gewohnt fortgeführt werden.
Geändert wird ausschließlich die Bezeichnung auf dem LaborbefundUnter einem ärztlichen Befund (kurz: Befund) versteht man die zusammengefassten Ergebnisse einer Untersuchung. Dabei kann es sich z. B. um Messergebnisse einer labormedizinischen Untersuchung handeln. More:
Bisher: KPU / Kryptopyrrol
Künftig: Pyrrol im Urin
Was passiert mit SensioScreen® KPU Profil 1, 2 und 3?
Unsere bekannten Profile bleiben bestehen:
KPU bleibt hier als etablierte Produktbezeichnung erhalten. Auf dem LaborbefundUnter einem ärztlichen Befund (kurz: Befund) versteht man die zusammengefassten Ergebnisse einer Untersuchung. Dabei kann es sich z. B. um Messergebnisse einer labormedizinischen Untersuchung handeln. More wird der darin enthaltene Parameter künftig als „Pyrrol im Urin“ ausgewiesen.
Was bedeutet ein erhöhter Pyrrolwert in der Praxis?
Ein erhöhter Pyrrolwert zeigt zunächst eine erhöhte Ausscheidung der mit unserer Methode erfassten Pyrrolverbindungen im Urin.
In der therapeutischen Praxis werden erhöhte Pyrrolwerte seit vielen Jahren im Zusammenhang mit unterschiedlichen Beschwerden und mit dem Mikronährstoffstoffwechsel betrachtet. Besonders mögliche Zusammenhänge mit Vitamin B6 und Zink werden diskutiert.
Die wissenschaftliche Bewertung dieser Zusammenhänge ist noch nicht abgeschlossen. Ein systematischer Review von Warren und Kollegen zeigt, dass entsprechende klinische Untersuchungen vorliegen, die bisherige Studienlage aber noch nicht ausreicht, um daraus ein klar definiertes Krankheitsbild oder sichere Ursache-Wirkungs-Beziehungen abzuleiten.5
Auch die Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ am Robert Koch-Institut bewertete die damalige Evidenzlage zur Kryptopyrrolurie kritisch.6
Für die therapeutische Praxis
Der Pyrrolwert kann als ergänzender Laborparameter in die Gesamtbetrachtung einbezogen und auch im Verlauf beobachtet werden. Die individuelle Bedeutung des Ergebnisses sollte gemeinsam mit Anamnese, Symptomatik und gegebenenfalls weiteren Laborwerten beurteilt werden.
KPU oder HPU – welchen Test sollte ich als Therapeut einsetzen?
Gerade in den vergangenen Jahren hat sich die Bezeichnung HPU im therapeutischen Umfeld stark etabliert. Gleichzeitig wird KPU teilweise als ältere oder überholte Untersuchung dargestellt.
Die wissenschaftliche Literatur zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.
Es gibt keine einfache Entwicklungslinie von „alter KPU“ zu „moderner HPU“. Die HPL-Hypothese stammt bereits aus den 1970er-Jahren, und auch neuere Arbeiten werfen wieder Fragen zur chemischen Zuordnung auf.1–4
Für uns ist deshalb nicht entscheidend, welcher Begriff moderner klingt. Entscheidend ist, welche Aussage unsere Methode tatsächlich erlaubt.
Wer bisher unsere KPU-Profile eingesetzt hat, kann sie unverändert weiterverwenden.
Auch Therapeuten, die sich bisher mit HPU beschäftigt haben, können unsere Pyrrolbestimmung als Laborparameter in ihre diagnostische Betrachtung einbeziehen. Unsere Untersuchung erhebt dabei bewusst keinen Anspruch auf einen spezifischen HPL-Nachweis oder eine HPU-Diagnose.
Warum „Pyrrol“?
Wir benennen, was wir messen
Wir hätten die Bezeichnung KPU einfach beibehalten oder den Parameter in HPU umbenennen können. Beides würde aber eine analytische Eindeutigkeit vermitteln, die unsere Methode nicht beansprucht. Deshalb trennen wir bewusst Laborwert und klinische Interpretation – und nennen den Parameter „Pyrrol im Urin“.
Fazit: Nicht alles, was neuer klingt, ist automatisch wissenschaftlicher
KPU und HPU haben beide eine lange Geschichte. Kryptopyrrol wurde 1969 als möglicher Mauve Factor beschrieben. Die alternative Zuordnung, aus der später die HPL-/HPU-Diskussion entstand, folgte bereits 1978.
Auch neuere Untersuchungen zeigen, dass die genaue chemische Zuordnung und die klinische Bedeutung der entsprechenden Urinbefunde weiterhin wissenschaftlich diskutiert werden.
Deshalb möchten wir weder an einer historischen Bezeichnung festhalten, wenn sie analytisch zu viel verspricht, noch einen anderen Begriff übernehmen, nur weil er heute moderner erscheint.
Wir möchten möglichst genau benennen, was unsere Laboranalytik tatsächlich aussagen kann.
Pyrrol im Urin
Die SensioScreen® KPU-Profile bleiben bestehen. Methode, Durchführung und Entscheidungsbereiche bleiben unverändert. Neu ist lediglich die präzisere Bezeichnung des Laborparameters.
Häufige Fragen zu KPU, HPU und Pyrrol
Ist HPU die moderne Form der KPU?
So lässt sich die wissenschaftliche Entwicklung nicht zusammenfassen. Kryptopyrrol wurde 1969 als möglicher Mauve Factor beschrieben. Die alternative Zuordnung zu einem Hydroxy-Hemopyrrolenon folgte bereits 1978. Die HPL-/HPU-Hypothese ist damit selbst fast 50 Jahre alt.
Was ist der Unterschied zwischen KPU und HPU?
KPU wird historisch mit Kryptopyrrol in Verbindung gebracht, HPU mit HPL beziehungsweise verwandten Verbindungen. Welche Verbindungen tatsächlich für die jeweiligen Urinsignale verantwortlich sind, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.
Kann Sension zwischen KPU und HPU unterscheiden?
Unsere kolorimetrische Pyrrolbestimmung erlaubt keine substanzspezifische Unterscheidung zwischen Kryptopyrrol und HPL. Deshalb weisen wir den Messparameter als „Pyrrol im Urin“ aus.
Kann Sension HPU messen?
Sension bestimmt Pyrrol im Urin. Unsere Untersuchung beansprucht keinen spezifischen HPL-Nachweis und stellt damit keinen spezifischen Nachweis einer HPU dar.
Hat sich der bisherige KPU-Test geändert?
Nein. Methode, Durchführung und Entscheidungsbereiche bleiben unverändert. Geändert wurde ausschließlich die Bezeichnung des Laborparameters.
Sind alte und neue Ergebnisse weiterhin vergleichbar?
Ja. Da Methode und Entscheidungsbereiche unverändert bleiben, können bisherige Ergebnisse weiterhin für Verlaufskontrollen herangezogen werden.
Bleiben die SensioScreen® KPU-Profile erhältlich?
Ja. SensioScreen® KPU Profil 1, Profil 2 und Profil 3 bleiben als Produktbezeichnungen bestehen. Der enthaltene Laborparameter wird künftig als „Pyrrol im Urin“ ausgewiesen.
Was bedeutet ein erhöhter Pyrrolwert?
Ein erhöhter Pyrrolwert zeigt eine erhöhte Ausscheidung der mit der verwendeten Methode erfassten Pyrrolverbindungen im Urin. Der Wert kann als ergänzender Laborparameter in die therapeutische Gesamtbetrachtung und in Verlaufskontrollen einbezogen werden. Seine individuelle Bedeutung sollte gemeinsam mit Anamnese, Symptomatik und weiteren Befunden beurteilt werden.
Literatur
- Irvine DG, Bayne W, Miyashita H, Majer JR. Identification of Kryptopyrrole in Human Urine and its Relation to Psychosis. Nature. 1969;224:811.
- Irvine DG. Hydroxy-hemopyrrolenone, not kryptopyrrole, in the urine of schizophrenics and porphyrics. Clinical Chemistry. 1978.
- Irvine DG. Pyrroles in neuropsychiatric and porphyric disorders: confirmation of a metabolite structure by synthesis. Life Sciences. 1978.
- Sherwin A, Shaw IC. Sixty years of conjecture over a urinary biomarker: a step closer to understanding the proposed link between anxiety and urinary pyrroles. Laboratory Medicine. 2024;55(3):334–340. doi:10.1093/labmed/lmad086.
- Warren B, Sarris J, Mulder RT, Rucklidge JJ. Pyroluria: Fact or Fiction? Journal of Alternative and Complementary Medicine. 2021;27(5):407–415. doi:10.1089/acm.2020.0151.
- Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“. Die (Krypto-)Pyrrolurie in der Umweltmedizin: eine valide Diagnose? Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. 2007;50:1324–1330. doi:10.1007/s00103-007-0340-y.